In der Klinik, in der ich mein Chirurgie-Tertial des PJs absolvierte, war es als PJler vorgesehen, 4 Nachtdienste mitzumachen. Das war das erste Mal, dass ich einen Nachtdienst mitmachen sollte. In diesem Bericht möchte ich Dir von meinen Erlebnissen im Nachtdienst berichten.
Bevor ich in die Nachtdienste ging, überlegte ich mir erst mal, bei welchem Assistenzarzt ich wahrscheinlich am meisten lernen und profitieren würde. Ich startete also meine Nachtdienste nicht willkürlich, sondern erst nachdem ich einige Zeit in der Abteilung gewesen war. Da ich nun im Tagdienst fehlen würde, musste ich meine Nachtdienste natürlich auch mit dem Chefarzt abstimmen. In kleineren Häusern sind meistens weniger PJler unterwegs, weshalb ein Ausfall eines PJlers sofort auffällt.
Bei mir gab es auch noch die Schwierigkeit, dass ich mich schon in meiner viszeralchirurgischen Rotation befand und die Nachtdienste mit einem Assistenzarzt der Unfallchirurgie (wo ich vorher gewesen war) machen wollte. Da wir jedoch zu zweit in der Viszeralchirurgie waren, stimmte der Chef dem zu. Außerdem wurden die Nachtdienste der Unfallchirurgen und der Viszeralchirurgen gemeinsam von einem Assistenzarzt gemacht, da ein zu großer Personalmangel herrscht und in der Nacht in diesem Haus nicht allzu viele viszeralchirurgische Patienten vorstellig werden.
Danach konnten die Nachtdienste losgehen. Insgesamt sollte ich 4 Nachtdienste machen und ich hatte beschlossen, diese in einer Woche alle abzuhaken. Der Dienst begann um 19 Uhr und ich sollte mich in der Notaufnahme zu dieser Uhrzeit einfinden. Häufig kam ich etwas früher an, da auch mein Assistenzarzt oft schon etwas früher begann. Zusätzlich zum Nachtdienst gab es auch noch einen Spät-Lang Dienst, der bis 23 Uhr ging. Das heißt, dass der Nachtdienst noch eine Weile auf etwas Unterstützung hoffen konnte. In der Nacht ist der Assistenzarzt für die chirurgischen Patienten aus der Notaufnahme und für die chirurgischen stationären Patienten zuständig. In dieser Klinik bedeutete das, 3 Stationen und eventuelle Außenlieger zu betreuen.
Anfangs blieb ich jedoch erst in der Notaufnahme, da 19 Uhr eine typische Uhrzeit für viele Patienten in der Notaufnahme ist. Nachdem der Assistenzarzt mir gezeigt hatte, wie ich in der Notaufnahme die Patienten behandeln sollte, konnte ich dies bald auch schon selbstständig machen. Ich rief den Patienten auf und führte ihn in ein Untersuchungszimmer. Dort erhob ich eine Anamnese und schaute mir dann die Problematik an. Oft waren es Kleinigkeiten wie ein Umknicktrauma.
In der Notaufnahme ist es wichtig, die Patienten in einem bestimmten System einzuteilen und mögliche Red-Flags auszuschließen. Bevor die Patienten mit mir in das Untersuchungszimmer kamen, konnte ich mir vorher immer im Computer anschauen, wie die Pflegefachkraft den Patienten nach dem Ampelsystem markiert hatte. Ich untersuchte vor allem Patienten aus dem grünen Bereich. Dabei konnte ich nach der Anamnese oft noch das betroffene Gelenk in einer körperlichen Untersuchung näher anschauen und dementsprechend die mögliche Diagnose weiter eingrenzen. Im Anschluss besprach ich meine Befunde mit dem Assistenzarzt, der danach entschied, ob der Patient weitere Diagnostik wie ein Röntgen oder CT bräuchte. Wenn der Assistenzarzt noch ein Sono machen wollte – wie beispielsweise bei einem hochgradigen Verdacht auf eine Achillessehnenruptur – leitete er mich mit an und ich konnte das sonografieren ausprobieren.
Danach konnte ich das Notfallprotokoll im System anlegen und meine erhobenen Befunde eintragen. Wenn der Patient ambulant verblieb, was oft der Fall war, wurde er mit diesem und ein paar Empfehlungen nach Hause geschickt. Nachdem sich gegen 22 Uhr die Notaufnahme leerte, ging es weiter auf Station. Um 22 Uhr beginnen die meisten Pflegefachkräfte ihren Nachtrundgang und hängen die letzten Antibiosen für den Tag an. Dabei fällt dann doch auf, dass bei dem ein oder anderen Patienten die Branüle nicht richtig liegt und eine neue gebraucht wird. Dazu wurde dann der Arzt angerufen, weshalb ich schon oft automatisch von meinem Assistenzarzt nach oben geschickt wurde. Dort legte ich dann noch ein paar Branülen und nahm noch Blut ab, wo es angeordnet wurde. Wenn nun noch ein akuter Notfall in die Klinik kam, hieß das für den Assistenzarzt auch im OP zu stehen und mit zu operieren. Hierbei habe ich etwas Glück gehabt, da meine Nächte alle sehr ruhig waren, sodass der Assistenzarzt mich recht früh nach Hause schicken konnte.
Der Nachtdienst hat mir jedoch viel gebracht, da hier plötzlich wichtig war zu überlegen, welche Diagnostik denn akut notwendig ist und auf welche man in der Nacht wiederum verzichten kann. Außerdem ist der Nachtdienst völlig anders aufgebaut als der Tagdienst. In der Nacht gibt es wenig geplantes Klinikprogramm und die primäre Aufgabe eines Assistenzarztes ist es, Red-Flags zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Das heißt auch, bei einer notfallmäßigen Operation seinen Hintergrund anzurufen und die Operation vorzubereiten. Außerdem geht es in der Nacht darum, die Patienten stabil zu halten und bei Unstimmigkeiten zu entscheiden, wie man weiterverfahren kann. In der Nacht bist Du oft auf Dich allein gestellt und musst erstmals eine Entscheidung ganz für Dich treffen, die später für alle nachvollziehbar ist. Im PJ den Nachtdienst zu machen, hat mich etwas erleichtert, da ich so nicht ganz ins kalte Wasser geschmissen werde, wenn ich in meiner Assistenzarztzeit plötzlich zum ersten Mal alleine in meinem ersten Nachtdienst stehe.
Wenn es auch nicht in Deiner Klinik vorgesehen ist, einen Nachtdienst als PJler mitzumachen, kann ich Dir dennoch empfehlen, zumindest einen langen Spätdienst mitzumachen, um später auf deine Assistenzarztzeit vorbereitet zu sein – auch wenn es noch mal was anders sein wird als Assistenzarzt in der Nacht zu stehen. Du hast im PJ noch den Luxus, in der Nacht angeleitet zu werden und unter den wachsamen Augen eines Assistenzarztes zu lernen, akute Red-Flags auszuschließen oder zu erkennen. Diesen Luxus wirst Du wahrscheinlich in Deiner Assistenzarztzeit nicht genießen können, weshalb ich Dir einen Nachtdienst im PJ nur wärmstens empfehlen kann.
Autorin: Saher Dilshad