Nach dem Blockpraktikum in der Neurologie fand im Anschluss die mündlich-praktische Prüfung – der OSLER – vor Ort statt. Dies war mein erster OSLER überhaupt und dementsprechend war ich sehr aufgeregt. Mir wurde oft gesagt, dass dieser ähnlich ist wie der OSCE, nur dass Du statt einen Simulationspatienten nun einen echten Patienten hast. Das ist tatsächlich der größte Unterschied, doch aufgrund dessen ändert sich einiges an dem Konzept der Prüfung. Du bekommst am Prüfungstag einen Patienten zugeteilt und beschäftigst Dich in der gesamten Prüfung nur mit diesen. Während beim OSCE die Stationen getaktet sind und meistens 6 Minuten andauern, ist dies hier nicht der Fall. Im Neurologie OSLER hatte ich insgesamt 1,5 Stunden Zeit, die ich mir frei einteilen konnte. Im OSLER ging es also weniger darum, alles Mögliche so schnell wie möglich zu untersuchen und Du bist nicht auf ein Krankheitsbild fixiert, sondern Du solltest den Patienten in seiner Gesamtheit wahrnehmen.
Zur Vorbereitung auf den OSLER ging ich alle klassischen Krankheitsbilder der Neurologie, die uns in den Wochen davor vorgestellt wurden, noch mal durch. Dabei musste ich ziemlich viel nacharbeiten, da meine Lücken sehr groß waren. Ich kombinierte hierbei die Neuroanatomie, die wir im Block morgens gelernt hatten mit den Krankheitsbildern. Zum besseren Verständnis malte ich viel auf und benutzte beispielsweise für unterschiedlichen Gehirnareale unterschiedliche Farben. Langsam strukturierte sich dabei auch mein Kopf und ich verstand immer mehr. Am Ende meiner Aufzeichnungen lernte ich die Sachen auswendig, damit ich sie in der Prüfung auch anwenden konnte. Zwei Tage vor der Prüfung erstellte ich mir auch meinen individuellen Anamnese- und Untersuchungsbogen. Dabei strukturierte ich meinen kompletten Besuch beim Patienten durch. Damit ich auch hierbei Zeit sparen konnte, indem ich beispielsweise alle Tests, die im Stehen gemacht werden, hintereinander mache und den Patienten dann bitte sich wieder hinzulegen. Außerdem schrieb ich mir zu den Untersuchungen dazu, was ich denn damit eigentlich untersuchen wollte. Nach dieser Vorbereitung fühlte ich mich nun für die Prüfung gewappnet, auch wenn ich vor dieser sehr aufgeregt war.
Am Tag der Prüfung stellte ich mich 10 Minuten vor meinem Prüfungstermin im Sekretariat des Chefarztes vor. Dieser hatte gemeinsam mit dem Oberarzt einen Patienten für mich ausgesucht. Der Oberarzt brachte mich dann auf die Station und zum Patienten. Dann verließ er den Raum und ich war auf mich allein gestellt. Ich stellte mich dem Patienten vor und erklärte, was ich in der nächsten Stunde vorhatte. Zuerst setzte ich mich zu ihm und erhob eine Anamnese. Mein Patient war sehr verlangsamt und auch nicht sonderlich gesprächsfreudig. Das erschwerte mir die Anamnese und kürzte sie sehr ab. Nach dieser fing ich mit meinem Untersuchungsablauf an und untersuchte ihn vollständig neurologisch und grob internistisch. Der Patient war sehr dünn und hatte in den letzten Monaten enorm abgebaut. Er konnte nicht aus dem Bett aufstehen, weshalb einige Tests nicht umsetzbar waren. Ich notierte mir nach jeder Untersuchung, was ich gesehen hatte, damit ich mir am Ende ein Gesamtbild für eine Verdachtsdiagnose machen konnte. Nach circa 45 Minuten war ich dann fertig und bedankte mich beim Patienten. Ich hatte nun noch 45 Minuten Zeit, bevor ich beim Chefarzt erscheinen sollte und da ich noch etwas ratlos war, bezüglich der Diagnose des Patienten beschloss ich mich etwas mit seiner Krankenakte zu beschäftigen. Diese aufzutreiben dauerte eine Weile, doch letzten Endes bekam ich sie und zog mich in ein Zimmer zurück. Beim Durchschauen der Akte fiel mir auf, dass der Patient mir viele Angaben nicht gemacht hatte, wie beispielsweise, dass eine Diabetes Typ 2 bei ihm vorbekannt war. In den Arztbriefen waren auch viele Punkte, die mir aufzeigten, dass der Patient etwas verwirrt war und seine Krankengeschichte nicht mehr schlüssig wiedergeben konnte. Das notierte ich mir auch auf meinen Bogen, da dieses Problem auch eine Aussagekraft hat. Auffällig war, dass in jedem Arztbrief keine eindeutige Diagnose feststand. Seine Symptome erinnerten zwar an eine Erkrankung, doch der Verlauf dieser Erkrankung ist viel schneller, was wiederum nicht zum Verlauf des Patienten passte. Dieser baute seit mehreren Wochen bzw. einigen Monaten ab, während man bei dem Guillain-Barré-Syndrom einen eher akuteren Verlauf innerhalb von Tagen bis einigen Wochen erwartet. Damit fiel auch diese Diagnose raus und ich war noch immer etwas ratlos, was der Patient hatte. Da kein aktueller Arztbrief in der Akte war, konnte ich leider auch nicht sagen, ob nach den bildgebenden Verfahren eine Diagnose feststand. Letzten Endes entschied ich mich, den Fall vorzustellen, meine Ideen für eine Diagnose zu nennen, jedoch mit offenen Karten zu spielen und zuzugeben, dass ich keine eindeutige Verdachtsdiagnose stellen konnte. Ich machte mich also mit meinen neuen Erkenntnissen auf den Weg zum Chefarzt. Dort warteten wir gemeinsam auf den Oberarzt, der nach ein paar Minuten dazu kam. Gemeinsam besuchten wir den Patienten nochmal auf Station und der Chefarzt forderte mich dazu auf, ein paar neurologische Untersuchungen vorzumachen. Er fragte mich, wie ich den dritten Hirnnerven untersuchen würde und bat mich, dass ich dies am Patienten demonstriere. Danach sollte ich die Beinreflexe klopfen, was etwas schwieriger war, da der Patient seine Beine nicht selbstständig bewegen konnte. Trotzdem funktionierte dies und der Chefarzt war zufrieden. Danach wurden mir noch zwei Fragen gestellt und wir verabschiedeten uns vom Patienten.
Wir gingen wieder zurück in das Zimmer des Chefarztes, wo ich nun den Patienten strukturiert vorstellte und am Ende damit abschloss, dass ich keine eindeutige Verdachtsdiagnose habe. Ich stellte zwei in Frage kommende Diagnosen in den Raum, erklärte aber auch, weshalb sie nicht eindeutig passten. Im Anschluss wurde ich 15 Minuten zu allem Möglichen aus der Neurologie befragt, wobei sich die Fragen am Anfang ziemlich nah an den Patientenfall orientierten. Nach dieser Prüfung durfte ich dann nochmal draußen Platz nehmen, da sich der Oberarzt und Chefarzt bezüglich meiner Benotung besprachen. Danach wurde ich wieder in den Raum gerufen und bekam zur Benotung auch ein Feedback.
Fazit:
Ich fand es tatsächlich etwas unfair, dass ich keinen klassischen neurologischen Fall bekommen hatte, sondern einen Patienten, der nicht sehr mitteilsam war und wo noch keine Diagnose feststand – wie man mir dann am Ende sagte. Ich fragte mich, wie von mir erwartet werden konnte, die Diagnose des Patienten zu finden, wenn dies noch nicht einmal den Ärzten gelungen war. Da hätte ich mir vielleicht doch lieber einen eindeutigeren Fall gewünscht, wie ihn viele andere Kommilitonen bekommen hatten. Natürlich ist es schwierig, bei 13 Studenten geeignete Patientenfälle für jeden zu finden, da jedoch die Klinik so eine große Neurologie hat, waren eindeutig genug klassisch neurologische Fälle auf den Stationen (wir hatten im Blockpraktika ja auch nur klassische/interessante Fälle gesehen und keine uneindeutigen). Es wurde in meiner Benotung zwar berücksichtigt, dass mein Patient nicht sehr mitteilsam war, jedoch nicht, dass es sich durch das Fehlen einer Diagnose um ein sehr viel schwierigeren und somit komplexeren Fall handelte, als teilweise meine Kommilitonen bekommen hatten. Trotzdem verlief die Prüfung ansonsten sehr fair und ich war zufrieden mit meiner Leistung.
Autorin: Saher Dilshad